Bitte berühren! - Die Kraft der Berührung


Am letzten Seminarwochenende ging es um Körperbilder und Körperwahrnehmung. Zur Veranschaulichung haben wir den Film "Rund und Schön" der finnischen Filmemacherin Kiti Luostarinen gesehen. Ein Film, der bereits 1997 entstanden ist, aber aktueller nicht sein könnte.

Rund und Schön ist ein Film über das Gefühl, in einem weiblichen Körper zu leben, sich vom Mädchen zur Frau zu entwickeln und alt zu werden. Kiti Luostarinen befasst sich mit dem weiblichen Jugend-, Schönheits- und Schlankheitskult auf teils humorvolle und teils verstörende Weise. Was mich neben der Tatsache, dass sich viele Frauen und auch schon kleine Mädchen so schwer damit tun den eigenen Körper zu akzeptieren, sehr bewegt hat, war die Aussage einer älteren Frau im Film. Sie sagte, dass es ihr jetzt im Alter fehlen würde jemanden zu berühren und es noch schlimmer wäre selbst nicht berührt zu werden. Denn: Wer berührt schon eine alte Frau? Schlagartig dachte ich an meine Mutter, die seit mein Vater vor 4 Jahren starb, nun alleine lebt. Ich habe meine Eltern immer als sehr innig miteinander empfunden und plötzlich war mir klar, was beim Verlust des Partners wirklich schwer sein muss. Die fehlende Berührung, kein in den Arm nehmen mehr, kein Kuss zwischendurch, kein Streicheln über den Rücken, kein Kraulen im Nacken. Wie muss sich das Leben anfühlen, wenn einen niemand mehr berührt?

Berührung ist ein so wichtiger Faktor in unserem Leben und kommt doch oft zu kurz. Gefühle, die wir bei Berührungen empfinden, finden sich in unserer Sprache wieder: Wir sind "berührt", wenn uns etwas sehr nahe geht. Besonders eindrucksvolle Erlebnisse "gehen uns unter die Haut." Berührungen, die Geborgenheit vermitteln, sind schon für die psychische und motorische Entwicklung eines Kindes lebenswichtig. Körperkontakt bleibt für uns bis ins hohe Alter wichtig. Unser Tastsinn bleibt im Gegensatz zu den anderen Sinnen bis ins hohe Lebensalter erhalten, alle anderen nehmen mit zunehmenden Alter ab. Das muss doch also einen Sinn haben.

Ganz deutlich sehen kann ich die Auswirkung von Körperkontakt tatsächlich bei meinen Kindern. Der Große scheint einen Akku zu haben für Berührung und körperliche Zuwendung. Regelmäßig und oft muss er ihn aufladen und sucht aktiv meine Nähe. Je mehr Berührungen und liebevollen Körperkontakt er bekommt, desto ausgeglichener ist er. Zum aktiven Nähe suchen gehört auch, dass er nach wie vor regelmäßig nachts in unser Bett wandert. Wo sonst kann er schöner und länger seinen Berührungs-Akku aufladen? Also handelt er wohl ziemlich intuitiv. Sorgt für sich. Ganz schön schlau, wie ich finde. Die Kleine hat offenbar einen leistungsfähigeren Akku. Oder er ist schon zu Beginn ihres Lebens ziemlich stark aufgeladen worden. Da sie mein zweites Kind war und die beiden einen recht kleinen Altersunterschied haben, brauchte ich meine Hände für Kind 1. Was lag da näher als das Baby ins Tragetuch zu packen? Etwas was mir bei meinem Sohn noch reichlich fern lag. Aber eine Freundin lieh mir recht schnell nach der Geburt ein Tuch und so hat meine Tochter bestimmt ihr erstes halbes Lebensjahr fast ausschließlich und auch später noch viel Zeit ziemlich nah an mir verbracht. Manchmal denke ich, dass das einen entscheidenden Einfluss hatte auf ihr jetziges Wesen. So selbstbewusst und autonom wie sie manchmal daher kommt. Vielleicht ist es auch einfach ihr Charakter, aber vielleicht fühlt sich auch einfach nur sehr sicher nach diesem geborgenen Start in ihr Leben. Was auch immer es ist, glücklich gemacht hat es uns beide.

Nachdem ich nun also diese Szene in dem Film "Rund und Schön" gesehen hatte, überkam mich auf einmal das Bedürfnis meine Mutter fest in den Arm nehmen zu wollen. Leider leben wir so weit von einander entfernt, dass ich dies wohl erst in einer Woche wieder tun kann. Aber ich habe mir vorgenommen, dies dann besonders bewusst zu tun.

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